So war der Abstiegskampf des FC Wangen

07/06/2017

Der Abstiegskampf des FC Wangen – Die „Schwäbische Zeitung“ hat das Team über mehrere Wochen begleitet

Quelle: Schwäbische Zeitung vom 7. Juni 2017, Foto Jan Scharpenberg, SZ

FC Wangen nach dem Sieg in Laupheim und dem Verbleib in der Verbandsliga Württemberg

„Wenn wir das packen, dann brennt Wangen“

Wangen sz Die finalen Minuten in Laupheim laufen. Es gibt niemanden vom FC Wangen, der nicht an der Seitenlinie steht. Trainer Adrian Philipp läuft hin und her, mag gar nicht aufs Spielfeld schauen, schaut doch hin, ballt die Fäuste, schreit Anweisungen und rauft sich die Haare. Die Ersatz- und ausgewechselten Spieler rufen dem Schiedsrichter zu, dass er abpfeifen soll. Sie wirken angespannt wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Betreuer Alois „Wiese“ Weber schnauft laut bei jedem Ball, den die Abwehr des FC aus dem eigenen Strafraum schlägt. Im Spiel FV Olympia Laupheim gegen den FC Wangen steht es 3:2 für den FC Wangen.

Entscheidender Abpfiff

Es ist Pfingstsamstag, es ist der 30. Spieltag in der Verbandsliga Württemberg. Das letzte Spiel der Saison 2016/17. Eine Saison, in der so oft niemand mehr an den Klassenerhalt des FC geglaubt hat. Doch in diesen letzten Minuten können die Wangener ihr Wunder wahrmachen. Ihre Konkurrenten im Abstiegskampf der TSV Berg und der FV Löchgau haben parallel gespielt und verloren. Die Spieler auf dem Platz kennen die Endergebnisse ihrer Konkurrenten nicht. Am Spielfeldrand und bei den schreienden Fans auf der Tribüne weiß aber jeder Bescheid. Alles, was es jetzt noch zum Klassenerhalt braucht, ist der Abpfiff des Schiedsrichters.

Endlich. Das Spiel ist vorbei. Alle sprinten auf den Platz, als wollen sie die 100 Meter unter zehn Sekunden laufen. In diesem Moment realisieren die Feldspieler, was gerade geschehen sein muss. Überall bilden sich Jubeltrauben, es wird geschrien und gejohlt. „Wiese“ will die zum Sieg hochgerissenen Arme scheinbar nie wieder sinken lassen. Philipp hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, die Augen geschlossen und ein seliges Grinsen im Gesicht. Ein paar Spieler des FC sitzen mit offenem Mund und ungläubigem Blick auf dem Rasen und können einfach nicht fassen, was gerade passiert ist. Wenige von ihnen hatten vor dem Spiel daran geglaubt, dass sie es noch schaffen könnten.

Schlechter Start, gute Stimmung

Frisch aufgestiegen aus der Landesliga, verlief der Saisonstart für den FC miserabel. Nach sechs Spieltagen waren nur zwei Zähler auf der Habenseite. Letzter Platz in der Liga. Der jetzige Co-Trainer Günter „Gügo“ Gollinger, ein echtes Urgestein im Verein, übernimmt für zwei Spiele und fährt den ersten Sieg ein. Dann wird Adrian Philipp als neuer Coach verpflichtet. Der 32-jährige Lehrer und die 48-jährige Vereinslegende wirken, als würden sie sich schon ewig kennen. Wenn Philipp bei Spielen an der Seitenlinie auf und ab tigert, dann ist Gollinger, der einfach nur ruhig da steht und hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille das Spiel beobachtet sein Ruhepol. Bei ihm regt Philipp sich auf, holt sich Rat oder tauscht sich einfach aus. „Ich brauche das. Wenn Günter nicht da ist, werde ich nervöser“, sagt der Trainer über „Gügo“.

Die Stimmung im Team habe Philipp überzeugt, den Trainerjob zu übernehmen. Wenn die Spieler in ihrem Vereinsheim, das sie liebevoll nur „Hütterle“ nennen, zusammen sitzen, dann würde man nicht vermuten, dass sie sich seit Monaten in einem zermürbenden Abstiegskampf befinden. Es wird viel gescherzt, gelacht und die Abschlussfahrt geplant, während der Geruch von gekochten Würstchen durch das Vereinsheim wabert, das mehr einem ausgebauten Schrebergartenhäuschen ähnelt.

Trainer Philipp motiviert das Team

Es ist Mitte Mai und Spielersitzung vor dem Match gegen den SV Zimmern ob Rottweil. Der 28. Spieltag steht bevor, und der FC Wangen hat die Chance, mit einem Sieg das erste Mal in der Saison aus den Abstiegsrängen zu klettern. Adrian Philipp tritt vor die Fußballer und fängt an zu reden. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er schaut seinen Spielern fest in die Augen. Er steigert sich in der Lautstärke, wenn er motivieren will und verfällt zurück in einen sachlich freundlichen Tonfall, wenn es um die taktische Einstellung geht. Er wirkt überzeugend, wenn er seinem Team erzählt, dass er an sie glaubt und sie gemeinsam den Abstieg verhindern können. „Fußballer sind alle hoch sensibel. Da musst du genau wissen, wann und wie du kritisierst und lobst. Der Adrian kann das“, sagt Geschäftsführer Thomas Ehinger.

Das Trainerteam fördert die Lockerheit im Team. Auf der Fahrt zum Spiel in Zimmern ob Rottweil wird in Salem halt gemacht und Mittag gegessen. Das Team sitzt entspannt in der Sonne und wirkt zuversichtlich. Ein paar Spieler rauchen.

Raus aus der Abstiegszone

Die Kabine in Zimmern ob Rottweil ist etwas dreckig. Der Arztkoffer von Betreuer Alois „Wiese“ Weber verbreitet den Geruch von Hansaplast, der sich mischt mit dem Duft von altem und neuen Schweiß. Die Spieler fassen sich bei den Schultern und bilden einen Kreis. In ihrer Mitte steht Co-Trainer Gollinger: „Für uns gibt es heute nur etwas zu gewinnen. Wollt ihr das?“ Die sonst so ruhige und gelassene Truppe explodiert förmlich. Dreimal schreien sie laut „Ja“ und es dröhnt in dem kleinen Raum. Dann beginnt das Match. In der 25. Minute steht Philipp an der Seitenlinie, beobachtet das Spielgeschehen. Er sieht aus wie ein Westernheld. Die Arme angespannt neben dem Körper, als wäre er bereit, seine Pistolen für den Showdown zu ziehen. Aber er zieht nicht, sondern reißt die Arme in die Luft und jubelt. Stürmer Thomas Maas hat gerade das 1:0 erzielt.

Der FC Wangen gewinnt das Spiel mit 3:1 und verlässt zum ersten Mal in der Saison die Abstiegsränge. Auf der Fahrt zurück nach Wangen gibt es Dosenbier. Eine Radiostation richtet Glückwünsche an den FC aus. „Er steht im Tor und ich dahinter“ wird gespielt. Gollinger dreht das Radio auf und tanzt hinter dem Steuer. Um 20.45 Uhr ist das Team wieder in Wangen. Zehn Stunden waren sie unterwegs für drei Punkte. Trotzdem feiern sie bis zum Sonnenaufgang in ihrem „Hütterle“.

In der folgenden Woche scheint der Sieg schon wieder aus den Köpfen verschwunden zu sein. Es ist ein lauer Sommerabend. Stechmücken schwirren auf dem Trainingsplatz umher, die Spieler schlagen sich auf Arme und Beine. Adrian Philipp steht an der Seitenlinie und verfolgt aufmerksam das Training. Ersatzkeeper Tobias Herzberger wird viel von seinen Mitspielern gemaßregelt. Er wirkt unzufrieden. Philipp greift nicht ein: „ Da muss man die Hierarchie in der Truppe respektieren und die Jungs die Dinge selbst regeln lassen. Wenn so etwas nicht funktioniert, funktioniert die Truppe nicht.“

Der Absturz

Gedanklich sind alle beim kommenden Spiel gegen den FV Löchgau. Auch für den FV ist es die Chance, aus den Abstiegsrängen herauszukommen. Wenn Wangen gewinnt, dann wäre ihnen der Relegationsplatz sicher. Es ist das letzte Heimspiel der Saison. Ein Grund zur Sorge für Geschäftsführer Ehinger, der beim Training vorbeischaut: „Zu Hause wollen die Jungs zeigen, dass sie auch kicken können. Da sind sie viel nervöser als auswärts.“ In der Teambesprechung vor dem Spiel ergreift Philipp wie immer das Wort und versucht die Vorfreude auf das Mögliche zu schüren: „Niemand hat damit gerechnet, dass wir das noch schaffen können. Und wenn wir das am Samstag packen, dann brennt Wangen.“

Es ist Ende Mai, Samstag, anderthalb Stunden vor Anpfiff in Wangen, und die Sonne brennt erbarmungslos auf den Platz. Es gibt Dinge, die sind einfach nicht zu beeinflussen. „Dem Faktor Glück wird mir im Fußball sowieso viel zu wenig Beachtung geschenkt“, sagt Philipp.

Der Grill in der Würstchenbude wird angeheizt, und aus der Musikanlage tönt „We are the Champions“ von Queen. Thomas Ehinger ist entspannt. Seine Frau hat in der Saison fast alle Ergebnisse richtig getippt. Heute gehe das Spiel 3:2 für Wangen aus, ist ihre Vorhersage. Zehn Minuten vor Anpfiff ist die Spannung in der Kabine förmlich greifbar. Viele Spieler starren mit Tunnelblick ins Leere. Günter Gollinger steht in der Kabine wieder im Spielerkreis: „Das ganze Frieren, Schwitzen und Kotzen, da können wir heute einen Strich drunter machen!“ Während er das brüllt, haut er mit der Faust auf die Einrichtung und stellt die gleiche Frage wie in Rottweil: „Wollt ihr das?“. Und die Mannschaft donnert wieder dreimal „Ja“ zurück. Dann geht es auf den Rasen.

Große Frustration in der Kabine

Die Tribüne ist voll. Familie und Freunde sind gekommen. Ob es die Hitze ist, Konzentration oder Nervösität lässt sich nicht sagen, aber die ersten 45 Minuten sind für den FC zum Vergessen. Löchgau geht mit zwei Toren in Führung. Immer wieder schüttelt Philipp mit dem Kopf, wenn er das Spielgeschehen beobachtet. Er blickt zu Günter Gollinger und zuckt mit den Schultern. Schaut auf die Uhr und zählt die Minuten, bis diese verfluchte erste Halbzeit zu Ende ist. Dann ist es endlich soweit. Der Stadionsprecher verkündet: „Noch ist nichts verloren.“ Dann weist er auf das Kuchenangebot hin.

In der Kabine ist es gespenstisch still. Man hört die Klimaanlage rauschen. Viele Spieler starren frustriert auf den Boden. Philipp steht vor seiner Taktiktafel und sagt eine Minute gar nichts. „Wiese“ kühlt die hängenden Schultern und Waden der Spieler mit großen Eisblöcken. „Ich glaube an euch, aber ihr müsst es auch tun.“ Aggressiver als sonst versucht Philipp seine Mannschaft wieder aufzubauen. Auch Kapitän Simon Wetzel und Offensivkraft Mario Vila Boa wollen die Mannschaft motivieren, aber wirklich überzeugt von dem, was sie da sagen, klingen sie nicht.

Beste Unterhaltung

Die zweite Halbzeit beginnt, und der FC kommt. Nur, um den nächsten Nackenschlag zu kassieren. Alexander „Grecko“ Nikolai verdreht sich bei einem Zweikampf im gegnerischen Strafraum das Knie und bleibt auf dem Rasen liegen. Der gegnerische Torwart packt ihn sich kurzerhand auf die Schultern und trägt ihn vom Platz. Die Zuschauer lachen und applaudieren. „Grecko“ hat Schmerzen, für sie ist das beste Unterhaltung.

Den fälligen Freistoß versenkt Okan „Oka“ Husein im Tor. Der Jubel bei seinen Mitspielern ist riesig. Es ist sofort erkennbar, dass dieses Tor das Selbstvertrauen der Mannschaft reanimiert hat. Philipp dreht sich zur Tribüne, boxt in die Luft und brüllt: „Kommt jetzt!“ Das Publikum wacht auf und Anfeuerungsrufe schallen über den Platz.

Jeder spürt: Der FC Wangen ist ganz dicht dran am Ausgleich und an diesem einen so wichtigen Punkt, der ihnen die Relegation sichern würde. Zwei kleine Jungen trommeln auf die Werbebanden und feuern den FC an. In der 73. Minute flankt Simon Wetzel in den Strafraum Löchgaus. Thomas Maas nickt den Ball ins Tor. Maas sprintet zur Eckfane, Philipp an der Seitenlinie entlang und beide schreien sie ihre Freude heraus. Da ist er, der Punkt der alles verändern kann.

Alle bleiben einfach liegen

Doch auf einmal findet der Gegner zurück ins Spiel. Wangen agiert unkonzentriert. Das Spiel steht auf Messers Schneide. Drei Minuten reguläre Spielzeit sind noch auf der Uhr. Ein langer Ball aus dem Mittelfeld segelt Richtung Wangener Tor und die Abwehrspieler des FC verschätzen sich. 3:2 für Löchgau. Schlagartig sind sie weg: der Punkt, die Freude und die Euphorie. Jegliche Körperspannung fällt von Philipp ab, und er sackt in sich zusammen.

Der FV schießt in der vierten Minute der Nachspielzeit auch noch das 4:2. Es ist nur eine Randnotiz. Ganz ruhig steht Philipp da, während er mit ansehen muss, wie die Löchgauer Mannschaft ausgelassen auf dem Rasen feiert. Die Wangener Spieler schlagen die Hände vor das Gesicht und bleiben auf dem Platz liegen, wo sie gerade sind.

Auf dem Weg in die Kabine kommt die Nachricht, die alles noch schlimmer macht. Auch Konkurrent FC Berg hat sein Spiel gewonnen. Der FC Wangen hat den Verbleib in der Liga nicht mehr in der eigenen Hand. „Wiese“ geht in der Kabine auf und ab und fragt sich immer wieder selbst: „Warum? Warum?“ Nur ein paar Minuten länger durchhalten und alles wäre gut gewesen. Das Gefühl der Machtlosigkeit sei noch viel schlimmer als die eigentliche Niederlage, sagt Kapitän Wetzel. Er sitzt auf einem Wasserkasten hinter der Bar, im kleinen Festzelt oberhalb der Tribüne. Schüttelt immer wieder den Kopf und schaut teilnahmslos auf den Boden.

„Grecko“ hockt mit bandagiertem Knie frustriert vor einem Bier und sagt: „Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.“ Wieso er eigentlich kickt, kann er in diesem Moment gar nicht so genau sagen. Seit er Zehn ist, spiele er eben Fußball.

Abschlussfeier in Wangen

Das Training in der folgenden Woche übernimmt Gollinger. Philipp ist mit seiner Schulklasse auf Abschlussfahrt in Berlin. Es herrscht immer noch Unverständnis über das Ergebnis. „Du wachst Montag auf und denkst: Neue Woche, neues Glück, und dann schießt es dir in den Kopf: 4:2! Einfach nur 4:2“, erzählt Abwehrspieler Luis Metzen. Auch das Dienstagstraining läuft schlecht. Die Niederlage gegen Löchgau ist dauerpräsent. Erst am Donnerstag zeigen die Spieler wieder mehr Einsatz. Im Rückblick wird Gollinger erzählen, dass er schon die ganze Woche über ein Gefühl gehabt habe, als würde noch etwas passieren. In der Abschlussbesprechung tritt er vor die Spieler und sagt: „Ich bin überzeugt davon, dass heute nicht unser letztes Training in der Verbandsliga war.“ Er wird recht behalten. Denn es folgt das Wunder von Laupheim.

„Darum spielen wir Fußball“

Nach dem Spiel bei Olympia geht es zur Abschlussfeier ins Zelt nach Wangen. Die Spieler werden jubelnd empfangen. In den Gesichtern reiht sich ein Grinsen an das nächste. Kapitän Simon Wetzel steht an der selben Stelle, an der er nur sieben Tage vorher das Spiel gegen den FV Löchgau verdauen musste und strahlt bis über beide Ohren. Die Niederlage war schwer aus dem Kopf zu kriegen, der Klassenerhalt will noch nicht so richtig hinein. „Im Moment ist das nur pure Erleichterung. Da kommt später noch ein Riesenhaufen Freude obendrauf“, sagt Top-Torschütze Maas.

„Gügo“ und Adrian kommen Arm in Arm zum Zelt geschlendert und sehen aus, als wären sie ein frisch verliebtes Pärchen. Es werden bierselige Reden gehalten. Später steht Philipp rundum glücklich mit einem Weizenbier an der Bar und schaut in das feiernde Zelt: „Das ist es. Genau deswegen spielt man Fußball.“

Verbandsliga Württemberg 2016/2017